Der Ex

Poem By Maarja Kangro

Als unter der schwarzen Hose
eine weiße behaarte Wade hervorlugt,
schau' ich da natürlich hin.
Ich schaue auf den Bauch unter dem Sakko,
nicht unbedingt dicker geworden.
Ich schaue auf die Hände: er hat die grazilsten von
allen, die auf der Bühne sitzen.
Bloß nicht zu lang in die Augen
schauen - aber es ist schon zu spät.
Als er anfängt zu reden,
spannt sich alles in mir an,
stockt sein Satz, rücke ich mit dem Stuhl.
Wie eine Mama beim Schulfest.

Nun reicht man Weintrauben und Gebäck.
In den anderen Raum gehe ich natürlich
bloß wegen der Getränke.
Schau mal einer an. Hallo.
Ich beobachte seine Augen, seinen Hals
und die Lenden: warm, nur einen Meter entfernt.
Ich überlege, ob ehemalige
Kolonisatoren ebenso schauen.
Dieses Land gehörte einst uns.
Wie rührt man es jetzt an?
Wie kommt ihr nun zurecht -
nicht gerade großartig, oder?
Bei euch herrschen Hunger und Epidemien,
Partisanenkriege und Diktatoren,
die wir in die Schranken weisen müssen.
Wir wissen von brennenden Hütten und Autos,
von Kindern mit aufgeblähtem Hungerbauch.

Seine Zähne faulen nicht,
die Wangen welken nicht,
keine geröteten Augen.
Dem Atem nach zu urteilen
hat er nicht angefangen zu trinken.
Die Kolonisatorin forscht akribisch.
Wo sind denn nun meine Spuren,
sein Trauma, meine historische Rechtfertigung?

Wir essen Weintrauben
und trinken Cognac,
okay, dann essen wir eben Weintrauben
und trinken Cognac

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