Überraschung

Über die grauen Dächer weg,
hoch hier oben,
durch die langen roten Nelken,
die vor meinem offnen Fenster
leise zwischen mir
und dem blauen Abendhimmel schwanken,
will mein Herzschlag
mit meiner Seele
hinaus, hinauf,

Um die höchste goldene Kirchturmkugel,
im letzten fernen Lichte,
mit hellen Flügeln,
zieht ein Taubenschwarm
eilende Kreise
über dem Hause
meiner Geliebten.

Aus dem blassen Westen
dringt der erste Stern und überflimmert
scheu den lauten Dunst und trüben Lärm
der großen Stadt hier unten,
wie der erste blinkende Traumgedanke
aus dem grauen Schwarm der Lebensfragen
in der Seele des Müden taucht -
da klopft es.

Klopft und ist auch schon im Stübchen,
sitzt mir auf dem Diwan gegenüber,
sagt kein Wort, es zittert nur ihr Atem,
nur das lose Ringelhaar,
nur die Lippen und die rote Bluse
auf dem jungen, warmen, raschen Busen;
und ich sage auch nichts.

Ihre bangen Augensterne wagen
in der stummen Dämmerung des Stübchens
hoch hier oben
einen süß beredten Evablick
nach den langen roten Nelken hin;
0, ihr Augen - -

Und ich angle nach ihr mit den Beinen,
diesen Perpendikeln meines Herzens:
Kleine, merkst du,
was die Uhr geschlagen hat? -

by Richard Dehmel

Comments (2)

His delight is with the dead, his thoughts are with the dead, and his hopes are with the dead. I've never thought books were dead though I suppose their authors could be considered so. Yet they live as long as we read their words and thoughts and deeds, don't you think?
i've read this poem during my school days and the last two lines of the first verse have always left an idelible mark on my mind whenever i'm in a library. How well the poet has expressed his sentiments is what i really appreciate very much. i didn't remember neither the author's name nor all the verses. it's only with the 2 lines that i remembered so well all these years that i was able to track them through your website. Thank you so much indeed!