Januar 1795

Leute husten, Eis auf Firsten,
Bettler frieren, Pelz den Fürsten;
Schwelgt der Adel hoch im Schlosse,
Darbt der Genius in der Gosse.

Im Palaste in der Hitze
Prunkt der Höfling auf dem Sitze;
Schwelgt der Geizhals auf dem Gute,
Liegt der Söldner in dem Blute.

Frau verlacht den faulen Vater;
Volle Säle und Theater,
Bälle, wo die Gören scherzen;
Krankenhäuser voller Schmerzen.

Kunst und Wissenschaft verblassen;
Handel schwindet, leer die Kassen;
Lumpen täuschen in Verkleidung;
König's Ehe, Kaiser's Scheidung.

Dichter hungern in den Stuben;
Reicher werden Räuber, Buben;
Sucht der Flüchtling eine Heimat;
Der Betrüger hier sein Heim hat.

Klugheit, Können im Versiegen;
Wahrheit wird verdreht zu Lügen
Hochmut über Ehr' und Würde,
Anstand eine läst'ge Bürde.

Frauen achten schale Sachen;
Pfuscher über Meister lachen;
Trägt die Greisin bunte Kleider,
Sind die Mädchen albern, leider.

Manche jetzt in Luxus leben;
Keine Tatkraft mehr, nur Reden;
Der Geliebte alt und schwächlich,
Wer einst stark ist jetzt gebrechlich.

Dichter, Maler, Komponisten,
Ärzte sind Opportunisten:
Bücher, Zeitungen, Gedichte
Schreiben andere Geschichte.

Edle Seelen haben Schulden,
Generäle Schwäche dulden;
Kinder halten sich für Krieger,
Und ersetzen alte Sieger.

Ehrenmänner sind verschwunden,
Schurken haben Platz gefunden;
Überall Verfall und Lüge,
Frieden keiner, Zukunft trübe.

(nach Mary Darby Robinson: January 1795)

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