Ein Kleiner Sonnenstrahl

Dies ist der Ort! Steh still, mein Ross!
Lass mich noch einmal sehen
Aus grauen Schatten alter Zeit
Gestalten auferstehen.

Das Heut' und Gestern werden eins
Im auf und ab der Zeiten,
Wie Spuren, die im Bach versteckt,
Sind sichtbar an den Seiten.

Hier führt die Strasse in die Stadt,
Der Pfad dort müssig säumt,
Auf dem mit Dir zur Kirch' ich ging,
Mein allerbester Freund.

Der Linden Schatten wehten dort
So über's weiche Grün;
Und durch die dunklen Büsche zogst,
Ein Schatten, Du, dahin.

Wie Lilien war dein fein' Gewand,
Dein Herz wie sie so rein:
Ich fühlte, dass ein Gottesbot'
Mir müsst' zur Seite sein.

Ich sah die Reiser streicheln Dich,
Und beugen sich zum Gruss,
Der Klee hob seine Blüten auf,
Zu küssen Deinen Fuss.

„Schlaft heute, schlaft, ihr Schmerzen all,
Ihr weltlich eitlen Sorgen! "
Vom Dorf her schallte ein Choral
An jenem Sabbath Morgen.

Die Sonne sandt' ein' goldnen Strahl
Durchs Fenster in den Raum,
Der wie die Himmelsleiter schien
Dereinst in Jacobs Traum.

Doch hin und wieder blies der Wind,
Mit süssem Duft vom Hag,
Und blätterte im Kirchenbuch
das dort im Fenster lag.

Des Predigers Worte flossen lang',
Nicht kümmerte es mich;
Er sprach von Ruth und ihrem Glanz,
Ich dachte nur an dich.

Lang' auch verharrt' er im Gebet,
Nicht kümmerte es mich;
Ich betete mit ihm... mein Herz,
Es dachte nur an dich.

So anders scheint der Ort mir heut':
Du bist nicht länger hier!
Die Licht, das einst auf allem lag...
Verblich es doch mit dir!

Wie eine Eiche, die den Mond
Mit ihrem Laub verbirgt,
So steht in meinem Herzen fest
Ein Schmerz, der niemals stirbt:

Erinnerung! Und leuchtet auf,
Wie durch die Wolkenwand
Ein kleiner Sonnenstrahl sich legt
Auf lang' vergess'nes Land.

(nach Henry Wadsworth Longfellow: A Gleam of Sunshine)

by Wolfgang Steinmann

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